Montag, 30. Dezember 2013

Fremde Weihnachtsfeierlichkeiten


Dass Weihnachten hier ein bisschen anders sein wird als in Deutschland, hatte ich mir schon im Sommer denken können. Ich war gespannt, was sich hier abspielen würde. So wie es dann tatsächlich war, hätte ich es mir niemals vorstellen können.
Der Reihe nach: zunächst musste ich Gastmutter Baby erklären, was Advent ist und wie er bei uns gefeiert wird. Weil viele Häuser von Nalerigu nicht an das Stromnetz angeschlossen sind und andere auf Stromausfälle vorbereitet sein wollen, ist es ein Leichtes, in einem der vielen kleinen Läden für umgerechnet weniger als 70 Cent vier Kerzen zu besorgen. Mangels Tannenzweigen, Draht und Dekoration gelingt es mir allerdings nicht, einen Adventskranz herzustellen. Thomas hat mir aber bei seiner Rückkehr aus Deutschland einen Adventskalender mitgebracht. So durfte ich nun meinen Gastgeschwistern Kate und Bernice beispielsweise erklären, was man mit dem Nussknacker hinter Türchen 1 oder dem Schlitten hinter Türchen 9 eigentlich anfängt. Hier gibt es weder Walnüsse noch Schnee...
Wie das Weihnachtsglöckchen zuhause wird die Pausenglocke der Miracle Brain von Hand geläutet
ventslieder gibt es auch nicht. Die überwiegend amerikanischen oder aus dem Deutschen übersetzten Weihnachtslieder werden schon in der Adventszeit abgespielt, selbst der Christbaum wird schon Mitte Dezember aufgestellt. Ihr habt richtig gelesen: wir haben tatsächlich einen Weihnachtsbaum. Eine amerikanische Missionarsfamilie hat vor einigen Jahren ein Plastikexemplar meiner Gastfamilie geschenkt, das jetzt mit amerikanischen Lichterketten geschmückt alle Jahre wieder vor sich hin blinkt. Weil es auch hier Tradition ist die Spitze mit einem besonders großen Stern zu schmücken, der alte Stern aber zerbrochen war, durfte ich mit Hilfe einer einfachen Internet-Bastelanleitung (etwas in Eile) einen neue Pappstern anfertigen. Irgendwie verbreitet der Baum eine ganz andere Stimmung als der mir bekannte, frisch geschlagene und mit Wachskerzen und Strohsternen geschmückte Christbaum, den ich bisher in unserem Wohnzimmer gewohnt war.
Vor der Metzgerei wartet fast immer ein Ochse auf die Schlachtung
Obwohl ich in der Katholischen Kirche am dritten Advent tatsächlich eine Weihnachtspredigt zu hören bekomme, war die Adventsstimmung insgesamt anders. Ich gestehe ein, ich habe mich auf die Ankunft meines Vaters - den ich mehr als fünf Monate nicht gesehen hatte - am 26. Dezember fast genau so sehr gefreut wie auf die Ankunft Christi. Doch die sich im Advent anbahnende Weihnachtsfeier sollte eine ganz andere Wendung nehmen.
und Esel werden überall gebraucht, um Wasser o.Ä. zu transportieren
An dem Morgen, an dem das 19. Türchen des Adventskalenders geöffnet werden sollte und der gleichzeitig der letzte Schultag war, erwachte ich mit 39,5°C Fieber und starken Schmerzen am ganzen Körper aus dem Schlaf: auf dem schnellsten Weg zum Arzt! Auch wenn im Labor in meinem Blut keine Parasiten ausfindig gemacht werden können, lautete die Diagnose Malaria. Zu meinem Glück verläuft die Krankheit, ohne Komplikationen, weswegen ich bereits am 23. Dezember das Bett für mehrere Stunden verlassen kann. Bei alter Stärke bin ich trotzdem nicht. Als für Weihnachten einige unserer Guinea-Fowls geschlachtet werden müssen, entwischt mir eines der wilden Tiere. Thomas - als Vegetarier - freut sich über mein Missgeschick. Mir ist es sehr peinlich. Doch am Abend kann der Vogel wieder eingefangen und und seinem Schicksal überantwortet werden.
Ein winziges Loch im Dach des Hühnerstalls: der Stern von Bethlehem
Am Morgen des 24. Dezembers fühle ich mich noch immer sehr schwach und stehe erst gar nicht auf. Der Arzt muss wieder angerufen werden. Er macht sich wegen des für ihn etwas zu langsamen Heilungsfortschrittes etwas zu große Sorgen, und möchte mich in seinem Haus beobachten. Heilig Abend in einem der amerikanischen Arzthäuser, damit hätte selbst ich nicht gerechnet, doch das Schicksaal hat es nicht anders gewollt. Aber es ist eine gute Gelegenheit, mich mit den Amerikanern auszutauschen, und auch sie interessieren sich für meine vielen Erlebnisse in Nalerigu. Schließlich bin ich mittlerweile länger hier als jeder von ihnen. Wir bekommen ein gutes Abendessen, das große Weihnachtsessen wird für den 25. angekündigt. Wir hören Orchestermusik und versuchen ein unglaublich schwieriges Puzzle zu lösen. Was kombiniert mit dem kleinen Plastikweihnachtsbaum, der auch hier im Arzthaus aufgestellt ist, eine meditative und angenehme Stimmung ergibt. Als die anderen gegen 22Uhr einen Gottesdienst besuchen, das Puzzle aber noch immer kein Bild zeigt, gehe ich schlafen. Ich fühlte mich, was wohl den starken Medikamenten geschuldet ist, unglaublich schwach. Nachdem ich an Weihnachten zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder warm duschen durfte, war ich mir am Weihnachtsnachmittag ganz sicher, dass ich meine Krankheit überwunden habe.
Babys gibt es überall
Ich beschließe also am 25. zu meiner Gastfamilie zurückzukehren, die sich zwar über meine Genesung freut, ihre Weihachtsfeierlichkeiten aber mehr oder weniger abgeschlossen hat. Am Weihnachtsabend muss ich früh zu Bett gehen, denn wegen der Ankunft meines Vaters muss ich schon um vier Uhr morgens nach Tamale reisen.

Meine Mutter erteilte mir in einem Brief, der mir mitgebracht wurde, den Auftrag, weihnachtliche Motive in Nalerigu zu finden und zu fotografieren. Zunächst habe ich das für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten, bei fast konstant über 30°C will einfach keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Schließlich habe ich doch einiges gefunden, was ich gerne mit euch teilen möchte. Denn diese Motive vermitteln auch etwas von der Wirklichkeit in Nalerigu.

Freitag, 6. Dezember 2013

Das Feuerfest



Nur wenige Tage nach meinem Besuch beim Najiri findet dann das traditionelle Feuerfest statt. Obwohl die Einheimischen mich warnen, das sei ein gefährliches Spektakel, die Leute schlagen sich mit Fackeln und Macheten, wage ich mich gemeinsam mit Gastmutter Baby auf die Straße und dann zum Palast, auf dessen Vorplatz die Veranstaltung beginnt. Gefeiert wird eine Legende: Ein Königssohn geht verloren. Als er abends immer noch nicht heimkehrt, schwärmen die Diener des Königs aus um ihn zu suchen. Sie finden ihn unter einem Baum sitzend. Der Baum hat den Königssohn gestohlen und wird in einer feierlichen Zeremonie niedergebrannt.

beim Feuerfest
Weil es in der Vergangenheit wohl tatsächlich zu gewaltsamen Übergriffen gekommen ist, trauen sich die meisten Leute an diesem Tag nicht aus dem Haus. Das Fest ist nur noch ein Bruchteil von dem, was es einmal war, meint auch Gastmutter Baby. Auf der Straße sehen wir nicht nur erhöhte Polizeipräsenz, sondern auch viele Kinder, die Strohbündel entzünden und damit lachend durch die Gegend rennen. Am Palast wartet eine größere Menschentraube auf uns. Ich schätze ca. 200 Personen haben sich im Kreis um eine Trommelgruppe versammelt. 

Mit einem Gewehrschuss hat der König persönlich das Fest eröffnet. Nun sitzt er etwas im Hintergrund im Hof des
Feuerfest-Szene vor dem  Palast
Palastes. Immer wieder feuern die Leute mit ihren Gewehren in die Luft. Artisten führen Kunststücke und Tänze mit Feuer auf. Mir wurde erzählt, wer seinen Mut beweisen will, lässt sich eine kugelsichere Weste tragend abschießen. Gesehen habe ich das nicht. Nach einer gewissen Zeit dann löst sich die Versammlung heute völlig friedlich auf. Das Feuerfest richtet sich nach dem Mondkalender und findet das nächste Mal angeblich erst wieder Anfang 2015 statt.

Samstag, 30. November 2013

Der Najiri



Der Najiri
für die hiesige traditionelle Kultur spielt der Najiri, was übersetzt soviel wie Häuptling oder König heißt, eine ganz wichtige Rolle. Der Häuptling von Nalerigu ist nicht nur Herrscher in einem Ort, er ist gleichzeitig der König unseres Mamprusi Königreichs. Alle anderen Häuptlinge sind ihm untergeordnet. Nalerigu ist damit gewissermaßen auch die Hauptstadt. 

Eigentlich sollte jeder Besucher von Nalerigu gleich nach seiner Ankunft erstmal dem König huldigen. Nach vier Monaten hier hat mich letzten Samstag der Anruf einer amerikanischen Missionarin erreicht. Ich wurde eingeladen, zusammen mit einer Gruppe von amerikanischen Ärzten und Krankenschwestern zum Palast zu gehen und endlich den König zu treffen. Zuvor noch eine kurze Einführung in die Kultur. Um ihm seine tiefe Ergebenheit zu zeigen, muss man ganz in die Hocke gehen und als Mann mit angewinkelten Fingern in die Hände klatschen. Die Amerikaner tragen alle Smogs, das sind ärmellose dicke Pullover, mit extra weitem Bund damit sie schön flattern wenn man einen traditionellen Tanz darin ausübt. Einer der Amerikaner, der die traditionelle Kultur hier wohl besonders schätzt, ist selbst so etwas wie ein Häuptling. Er zieht zusätzlich einen Hut auf, der von der Form her ein bisschen an den Hut eines Kochs erinnert, aber aus dickem buntem Stoff hergestellt wurde.

Auf der Ladefläche eines Pickups fahren wir über die holprige Straße zum Palast. Dort angekommen warten wir zunächst bis wir hereingelassen werden. Vom schattigen Vorplatz des Palastes aus sieht man die vielen Frauen und Kinder des Königs ein und ausgehen. Wie früher schon beschrieben sollen es mehr als zwanzig Frauen und mehr als 100 Kinder sein. Dementsprechend groß ist auch der Palast. Als der König endlich Zeit für uns hat, werden wir in einen gefliesten Raum geführt. Als wir den Chief auf seinem erhöhten Thron sitzend erblickten, haben wir gleich fleißig angefangen, ihm zu huldigen, alle in die Knie und einmal kräftig in die Hände geklatscht. Der Chief ist ein älterer bärtiger Herr mit leiser sehr freundlich wirkender Stimme. Er ist - wie es sich traditionell hier gehört - natürlich barfuß, seine Füße allerdings ruhen auf Fellen von wilden Tieren. Neben dem Thron wartet ein riesiger Samsung Flachbildfernseher auf seine Benutzung. Hinter dem Thron an der Wand hängt - das wird mir auch von einer Amerikanerin gleich ins Ohr geflüstert – hängt tatsächlich eine Schwarzwälder Kuckucksuhr.

Der Chief hat einen Übersetzer, von Englisch in Mampuli. Weil unser amerikanischer Häuptling im Palast des Mamprusi Königreichs lieber versucht Mampuli zu sprechen, übersetzt der Übersetzer für seinen König heute ausnahmsweise von Mampuli in verständliches Mampuli und für uns das ganze nochmal in Englisch. Jeder von uns wird einzeln vorgestellt, ich natürlich mit meinem hier bekannten, weil aussprechbaren Namen „Greg“. Zum Höhepunkt des Besuchs werden dem König Geschenke überreicht. Unser amerikanischer Häuptling gibt ihm umgerechnet ca. 25 EUR, was hier ziemlich viel Geld ist. Weil die amerikanischen Ärzte aber auch an die Kinder denken, werden dem König auch Schokoladen und Haribo Artikel geschenkt. Aus Angst vor Giftanschlägen nimmt der Chief seine Geschenke nicht persönlich entgegen, sondern lässt das einen der ungefähr fünf bereit sitzenden Diener machen. Als alle vorgestellt und die Geschenke übergeben waren wurde - natürlich mit Erlaubnis des Königs - angefangen Fotos zu schießen. Es dauert eine halbe Ewigkeit bis wir uns dann endlich verabschieden und den Palast des Königs verlassen können.

Anmerkung: Alle Wörter auf Mampuli habe ich so geschrieben, wie ich glaube, dass man sie als Deutscher am ehesten richtig liest. Die Sprache besitzt ein eigenes Alphabet, mit unseren Buchstaben kann man Wörter wie Najiri, Sominga, oder auch Mampuli selbst gar nicht richtig schreiben.


Mittwoch, 20. November 2013

Technologie



Technologie
Biegt man von der Hauptstraße von Tamale nach Bolgatanga in Walewale Richtung Nalerigu ab, taucht man endgültig in eine ganz andere Welt ein. Ab hier beginnt eine etwa zweistündige Fahrt über eine Straße, deren rötlicher Belag man sich vorstellen muss als eine Mischung aus Sand, Erde und Staub. Es ist anscheinend eines der Lieblingswahlversprechen, diese Straße zu asphaltieren. 

Hauptsächlich wegen dieser Straße ist Nalerigu von der Außenwelt isoliert, und daher ein herrlicher noch traditionell geprägter, einfacher und ländlicher Ort. Zu Beginn kam ich mir teilweise wie in einem riesigen, lebendigen Museum vor. Ganz langsam, oder „small, small“ wie man hier zu sagen pflegt, dringen Einflüsse von außen hierher durch.

In meiner Schule wird ein Bleistift-Spitzer für eine ganze erste Klasse - also siebzig Schüler - zum Spitzen verwendet. So versucht die Schule, langsam das Spitzen mit Rasierklingen, das hier traditionell üblich war, abzulösen und den Schülern das Schreiben mit schön rundgespitzten Bleistiften zu ermöglichen. Dass der eine Spitzer natürlich nach wenigen Wochen völlig am Ende ist weiß hier keiner, er spitzt trotzdem irgendwie, man muss nur kräftig genug draufdrücken. 

Entlang der Straße verläuft seit 1998 eine Stromleitung, die das Leben hier deutlich einfacher gemacht hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Stromversorgung hier auch nur annähernd mit der deutschen zu vergleichen ist. Schon der geringste Regen irgendwo zwischen Nalerigu und Tamale sorgt garantiert für Stromausfall. Wenn der Strom ausfällt,  lässt der Regen meistens nicht lange auf sich warten, so dass Stromausfall auch als Wettervorhersage verstanden wird. 

Bisher, so schätze ich, ist in etwas mehr als drei Monaten hier der Strom schon mehr als zweihundert Mal ausgefallen. Meistens nur für kurze Zeit, aber wer beispielsweise an einem Computer arbeitet, muss ständig speichern und immer wieder neu hochfahren. Strom wird unter anderem auch wegen den häufigen Stromausfällen nicht wie bei uns für fast jede Arbeit eingesetzt. Im Kapitel Regen habe ich schon erwähnt, dass Schreiner keine elektrischen Geräte verwenden - dieses Phänomen ist bei fast allen Handwerken zu beobachten. Die vielen Schneider führen ihre bunten Stoffe nur mit
in der Schneiderwerkstatt
einer Hand durch die Nähmaschinen, weil sie eine Hand zum Antreiben eines Rades einsetzen, was die ganze Maschine erst in
mein neues T-Shirt unterm Kohle-Bügeleisen
Bewegung versetzt. So kann zumindest ich als Anfänger nur ganz langsam nähen. Besonders Arbeiten, die traditionell von Frauen durchgeführt werden, sind wenig angesehen und werden daher in meinen Augen mit völlig veralteten Gerätschaften durchgeführt. Dass auf einer Seite hauptsächlich Männer im Internet surfen oder Motorrad fahren, während gleichzeitig Frauen ohne Ofen über dem offenen Feuer kochen, erscheint mir äußerst ungerecht.

Nalerigu besitzt im Gegensatz zu den benachbarten Ortschaften ein Wasserleitungsnetz. Offiziell jeden Morgen werden die Leitungen geöffnet und die Häuser mit Wasser versorgt. Einige Familien haben Wassertanks, die das Wasser automatisch speichern. Andere schöpfen es in Fässer, um so auch tagsüber Zugang zu Wasser zu bekommen, ohne dass man zum nächsten Bohrloch laufen muss. An manchen Tagen öffnet das Wasserwerk die Leitungen nicht, warum auch immer. Dann lassen sich die bessergestellten Leute Wasser zu ihrem Haus bringen: entweder klassisch mit einem Eselskarren, oder, was die Esel gerade ablöst, mit einem „Motoking“, das ist ein motorisiertes Fahrzeug, das immerhin zwei Fässer gleichzeitig transportieren kann. Esel und Motoking holen das Wasser von einem kleinen Stausee ab, in dem wohl das ganze Jahr Wasser ist. Wer nicht an das Leitungsnetz angeschlossen ist, muss zum nächsten Bohrloch laufen, das bis zu 200 Meter entfernt sein kann. Dort muss man von Hand das Wasser aus dem Erdreich in Eimer pumpen. Diese werden - wie alles andere auch - auf dem Kopf nach Hause getragen. 

Internet und auch Fernsehen sind Errungenschaften, die wohl bald reichlich Informationen und Aufklärung über viele Dinge nach Nalerigu bringen dürften, freilich ganz langsam, „small small“. Derzeit ist die berühmteste Fernsehfigur der „Prophet“ T.B. Joshuah. Er hat durch Wunderheilungen und seltsamste Dämonenaustreibungspraktiken ungeheure Popularität erlangt. Es ist in meinen Augen richtig, dass er eine der mächtigsten Personen Afrikas ist. Sogar in der Schule hängt seit neuestem ein großes Plakat, das ihn wütend gegen einen Dämonen kämpfend zeigt.

Ein weiterer entscheidender Unterschied zur europäischen Technologie stellt der Hausbau dar. Traditionell formen zehn bis fünfzehn kleine runde Lehmhütten einen sogenannten „Compound“. Das bedeutet, sie stehen kreisförmig um einen Innenhof herum und sind durch eine Mauer verbunden, was einer Familie, die jeweils einen „Compound“ besitzt, Sicherheit gewähren soll. Mit der Zeit wurde die typische kleine runde, mit
traditionelle Lehm-Hütten
Halmen gedeckte Hütte von einer in der Grundform rechteckigen mit Wellblechdach gedeckten abgelöst. Das heutige Stadtbild ist von einer Mischung aus beidem geprägt. Einige Familien haben noch ganz traditionell nur kleine runde mit Halmen gedeckte Hütten, andere etwas modernere Familien besitzen ein in der Grundform rechteckiges einstöckiges Lehmhaus und einige kleine runde Hütten. Die Allerfortschrittlichsten haben ein Haus aus vorher mit Sand und Zement angefertigten Betonsteinen oder sogar kräftigen Pfeilern, was, ganz modern, mehrstöckiges Bauen ermöglicht. Bislang ist das aber wirklich die absolute Ausnahme und die meisten Leute können von so etwas nur träumen. 

Baustellen sieht man hier übrigens sehr viele, nicht nur weil Nalerigu schnell wächst, sondern auch weil die aus gestampftem Boden aufgebauten Häuser der einfachen Bevölkerung ungefär alle zehn Jahre in sich zusammenfallen und dann neu aufgebaut werden müssen. Vor zwei Jahren, wurde mir erzählt, sei ein Schüler meiner Miracle-Brain-Schule dadurch ums Leben gekommen. Der ältere Teil der Schule, der heute noch für die Jüngeren Schüler verwendet wird, ist auch nur aus gestampftem Erdboden. Zum Glück waren gerade Ferien, als das letzte Mal eine Wand einfiel. Weil das Dach dieses Raumes noch steht, können dort nun Fahrräder und Motorräder der Schüler und Lehrer geparkt werden. Allerdings kommen die meisten zu Fuß.

Zum Schluss noch die wohl verblüffendste Entwicklung der letzten Jahre: sehr sehr viele Leute besitzen ein Handy, viele sogar zwei, damit sie gleichzeitig die hier verbreitetsten Telefonanbieter, Vodafone und MTN benutzen können. Handytelefonate sind auch deswegen verbreitet, weil sie unglaublich billig sind. Ich verwende mein Handy nicht gerade sparsam, und verbrauche trotzdem meistens deutlich weniger als einen Euro im Monat.

Montag, 7. Oktober 2013

Tierhaltung



Tierhaltung

In Nalerigu bin ich überall von Tieren umgeben, im Dorf, im Feeding-Center, und besonders auch in meiner Gastfamilie. Dort gibt es Schafe, Ziegen, Hühner, Hunde und eine Katze. Während der Regenzeit wurden die Schafe und Ziegen bei der jeweiligen Familie im Garten oder auf dem Feld gehalten. So versucht man zu verhindern, dass die Tiere die vielen Felder, auf denen Pflanzen angebaut werden, verwüsten, indem sie beispielsweise Maisblätter fressen. Wenn man seine Tiere nicht zu Hause einsperrt oder an einem Strick anbindet, läuft man Gefahr, dass das Tier von einem fremden Bauern in dessen Feld erwischt und getötet oder verletzt wird. 

Die auf dem Feld angebundenen Ziegen müssen, wenn es regnet, zum Schutz vor Krankheiten in den Stall gebracht werden. Auch bei dieser Aufgabe habe ich schon des Öfteren geholfen. Einige Tiere scheinen sich vollständig losgerissen zu haben, so dass nachts immer einige Ziegen frei auf der Straße übernachten. Das stört hier keinen. Die Motorräder weichen den Tieren einfach aus. Während der Trockenzeit sind die Felder unbewirtschaftet, so dass die Tiere völlig frei herumlaufen dürfen. Nur nachts, so sagt man, kommen sie wieder zu ihrem Besitzer zurück um zu übernachten. Verglichen mit Deutschland leben die Tiere hier also sehr frei und auf eine sehr natürliche Art und Weise. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass beispielsweise ein schwaches oder verletztes Tier mangels Tierarzt kaum eine Überlebenschance hat.

Neulich, als ich abends in den Garten komme, ruft mich
Gastmutter Baby zu sich und präsentiert mir zwei eben geborene Lämmchen, ein schwarzes und ein weiß geflecktes. Beide wurden geboren, ohne dass wir irgendetwas davon mitbekommen haben. Wir wussten nicht einmal, dass das Schaf trächtig war. Natürlich sind wir sehr glücklich darüber.
Leider stellt sich jedoch schnell heraus, dass die Schafsmutter es ablehnte, das gefleckte Lamm mit Milch zu versorgen. Wir sind etwas ratlos. Schließlich zwingen wir die Mutter, die sich mit aller Gewalt dagegen wehrt, dazu, dem Kleinen Milch zu geben. Stundenlang stellt sich Baby dazu in den Garten. Dann und wann löse ich sie ab. Wir packen die Schafsmutter am Hals und heben eines ihrer Hinterbeine an, so dass sie weder weglaufen noch das hungrige Kleine treten kann.
Nach einigen Tagen wird die Nahrungsversorgung des Kleinen, das ohne Zähne noch keine Blätter fressen kann, durch Kuhmilch erweitert. Leicht erwärmt schlabbert das Kleine, dessen Geschwisterchen schon viel größer und stärker ist, nun auch Kuhmilch.

Wiederum einige Tage später passiert dann das Unglück. Das kleine weiß gefleckte Lamm wird abends von den Gastschwestern Kate und Bernice, die es gerade mit etwas Milch hätten füttern wollen, tot am Wegrand aufgefunden.
Vermutlich konnte es nicht schnell genug weglaufen als ein "Motoking" (dreirädriges Fahrzeug mit kleiner Ladefläche) vorbeigefahren ist. All unsere Mühe um das Tier war also vergebens. Wir mussten das kleine Lamm begraben.

Wenige Tage später dann wieder eine bessere Nachricht aus der Welt der Schafe: ein weiteres hat Nachwuchs zur Welt gebracht. Allerdings hat das Junge nun Durchfall. Mal sehen wie es diesmal weiter geht.

Schafe sind aber nicht die einzigen Tiere, um die man sich hier kümmern muss. Unsere Katze kam neulich auf drei Beinen hereingehinkt. Als wir versucht haben, etwas Salbe auf das verwundete Bein zu geben, ist sie schnell weggerannt. So mussten wir fast zwei Wochen zusehen, wie die Katze auf drei Beinen herumgehopst ist. Inzwischen tritt sie wieder vorsichtig auf. Wir können auch in diesem Fall nur vermuten, was vorgefallen war.
Ein weiterer Patient ist einer unserer acht kleinen
Hundewelpen. Sein linkes Hinterbein ist stark entzündet, er schleppt eine riesige Blase mit sich herum. Wir wissen nicht genau, wie wir ihn behandeln müssen. Vermutlich werden wir versuchen, die Blase mit einer Spritze leer zu saugen, um ihm so den Klotz vom Bein zu nehmen. Bisher wurde seinem Futter ein Antibiotikum, das eigentlich für Menschen gedacht ist, beigemischt (war nicht meine Idee). Hoffentlich macht es die Situation nicht noch schlimmer.

Zu guter Letzt muss noch erwähnt werden, dass die Tierhaltung natürlich nicht wie in Deutschland einfach so zum Spaß oder als Hobby betrieben wird. Sie ist vielmehr die Grundlage der Fleischversorgung. Insgesamt gibt es hier wenig Fleisch. Thomas - als Vegetarier - hat keine Probleme, sich ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Er bekommt jeden Abend ein Extra-Essen gekocht, meistens mit Ei statt Fleisch. 
Unsere Waisenkinder bekommen - zumindest von uns - nie Fleisch zu essen, nur etwas Fisch wird dem Essen, mehr als Gewürz, beigemischt. Die Schlachtung der Hühner wird hier üblicherweise nicht vom Metzger, sondern von jedem, der ein Huhn essen möchte, selbst  durchgeführt. Vermutlich muss auch ich nun bald mein erstes Hühnchen mit dem Messer  schlachten. Ich bin gespannt, ob ich das übers Herz bringe.